Freitag, 1. April 2011

Voll Bock auf Gärtnern

Neben dem alten, guten Siegfried gibt es noch andere Lenze, die sich derzeit vehement in den Vordergrund zu rücken verstehen. Oft genug ist es dann auch genau der Rücken, der sich in der Folge unter freiem Himmel verrichteter Arbeit nicht minder vehement zu Wort meldet. Den Serien-Junkies unter meinen Lesern sei gesagt: Nein, diese Folge lässt sich nicht in den bisher auf DVD erhältlichen Seasons finden. Diese Season sollte man dann doch schon selbst erleben.

Glücklich, wer jemanden kennt, der Zugriff auf einen Garten hat. Dumm, wer dann sein vorlautes Mundwerk nicht zu halten versteht. Denn allzuschnell hält man dann anderes. Einen Spaten in der Hand, zum Beispiel. Derweil der Eigner der geheiligten Scholle sich eher darauf versteht, Reden ans Volk zu halten. Was bizarre Züge annimmt, wenn sich die Gesamtpopulation dieses Volkes aktuellen Zählungen meinerseits nach auf scheinbar ausschließlich mich beschränkt. Da nützt dann auch der Hinweis wenig, dass Schollenfischerei erst ab dem Monat Mai legitim sei und nach Verleihung des Literaturnobelpreises an Herrn Grass doch ohnehin ganz andere Plattfische viel höher im Kurs stünden.

Man lässt mich nicht ausreden sondern bezichtigt mich, nach eben solchen zu suchen. Ausreden. Nicht Butts. Würde ich jetzt nicht mit einem Spaten unter freiem Himmel stehen, sondern in anheimelnd vertrauter Verkrümmung und dichtem Tabaksqualm an meinem Schreibtisch hocken, könnte ich wenigstens schnell bei Wikipedia nachschlagen, ob es sich bei „Butts“ wirklich um den korrekt formulierten Plural dieses Meeresbewohners handelt. Und würde weiterforschen, woran man denn männliche von weiblichen Butten unterscheiden kann. Und wie die Fangquoten im Chinesischen Meer gerade eingerichtet sind.  Oder welchen Nährwert 100 Gramm Weißfischfleisch auf die Spur bringen, wenn man sie einen angemessenen Moment in Weißweinsud dünstet. Oder. Aber. Ich muss wohl dumm sterben. Denn ich kann nicht nachschlagen. Ich soll umgraben. Und das zwei Spaten tief. Dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, den ich für meine Frage ernte, ob dabei wirklich die gesamte Länge des Stiels gemeint sei oder ob ich nicht unterwegs ein wenig schummeln dürfe, hätte ich auch diesen Begriff besser vorher einmal googlen sollen.

Ich bin Geisteswissenschaftler. Man darf von mir Eloquenz und Feingefühl erwarten, wenn es darum geht, die sensualen Eindrücke zarten Wachstums und elfengleicher Blütenerscheinungen festzuhalten. Auch sehe ich mich in der Lage, profunde Werturteile über gartenarchitektonische Konzepte, barocke, Englische oder Japanische Einflüsse, sogar über Zitate aus den großen Parkanlagen dieser Welt abzugeben. Gröber handwerklich geprägte Tätigkeiten liegen mir ferner. Und sind auch selten von wirklichem Erfolg geprägt. Binnen kurzer Frist gelingt es mir, blühende Tropengärten in etwas umzuwandeln, dass eher einer Hommage an die Kasachische Steppe sein könnte. Doch nein, das wäre übertrieben. Denn das geht zumeist nicht allein auf eigene Initiative zurück, sondern gelingt erst unter tatkräftiger Mitwirkung örtlicher Flora und Fauna. Vor allem - letzterer.

Nach meinen Erfahrungen hat es sich als Illusion erwiesen, mit politisch korrekten und ökologisch abbaubaren Mitteln dem entgegenzutreten, was nach Dekaden chemischer Kriegsführung in Deutschen Vorgärten genmutiert, multiresistent und überlebenshungrig am Image meines grünen Daumens nagt. Mit dem ersten Frühlingsgrün ist Leben allerorten dabei, vital die Systematik der Nahrungsketten zu illustrieren. Ganz unten stehen dabei in der Regel die Blätter und Wurzeln der von mir adrett angerichteten Vegetation. Und lasse ich dann der Natur ihren Lauf, so ist sie alsbald fast nicht mehr sichtbar. Zumindest nicht in dem Garten, den ich gerade bearbeitet habe. Nomadengleich ist die Karawane des Lebens längst weitergezogen; immer dorthin, wo Gleichgesinnte vor dem Gebrauch meuchelnder Erzeugnisse moderner Chemieproduktion zurückschrecken. Andere mögen derweil hinter fest verschlossenen Fenstern auf ihre fotogenen Kunstblumenbeete schauen und darin fortfahren, Kinder und Enkel eindrücklich davor zu warnen, die giftigen, aus dem Garten herankommenden Dämpfe einzuatmen oder gar eines dieser wehrhaft mit allerlei Wirksamem ausgestatteten Pflänzchen zu berühren. Das ist meine Sache nicht. Ich schaue lieber in die meditative Ruhe der schonend bearbeiteten Gartenfläche und lese Bücher über Pferdezucht. Die soll in der Kasachischen Steppe nämlich ganz hervorragend funktionieren. Schon allein deshalb, weil sich dort kaum etwas anderes anstellen lässt.

Doch auch hier hat die Natur ein Einsehen. Und schickt mir ihre Boten und Handlanger zu, auf dass meine kleine Steppe nicht allzu öde und trist bliebe. Vor allem nicht flach. Wer wie ich ein lebenslanger Fan der „Sendung mit der Maus“ ist, weiss, welch possierliche Kerlchen unter der Oberfläche hausen, um ab und an – mit winzigem Schäufelchen und grenzenloser Neugier bewaffnet - an die Oberfläche zu stoßen. Um dort lustige Abenteuer zu erleben und ein paar Brocken Tschechisch zu sprechen. Freilich muss ich eingestehen, das Kerlchen mit dem Schäufelchen selbst noch nie zu Gesicht bekommen zu haben. Sein eifriges Wirken hingegen ist umfangreich und sichtbar dokumentiert. Überall.

Mein Ansatz, die optische Wirkung der auf diese Weise entstandenen Berg- und Schluchtenlandschaften durch gezielte Anpflanzung von Bonsai zu verstärken, wurde durch den bestetigen Eifer wohl wühlender Mäuse zunichte gemacht. Noch besser als aufs Wühlen verstanden sich jene nämlich darauf, Wurzelwerk abzufressen, was meiner Waldlandschaft einen quasi ewigen, blattlosen Winteranschein verlieh. Und so etwas kann auf die Dauer schon recht deprimierend wirken. Ich holte mir fachkundigen Rat. Dieser Bestand im wesentlichen im Hinweis auf das besonders feine Gehör der kleinen Pelztierchen. Man müsse nur adäquaten Lärm machen, dann würden sie recht bald von selbst das Weite suchen. Meinem Einwand, dass ich das Weite wahrscheinlich lange vor den Pelztierchen finden würde, wenn der Garten geräuschlich von einem Ort der Ruhe zu einer eher geschäftigen Bundesautobahnbaustelle mutiere, wurde entgegengehalten: Nein, es reiche vollkommen aus, in gewissen Abständen Bierflaschen in die Löcher und Gänge zu stecken. Leere, natürlich. Vielleicht, dachte ich mir, denken die Wühlmäuse dann, die Bauarbeiter seien gerade nur kurz weggegangen. Vielleicht, um neues Bier zu holen. Man belehrte mich: Nein, mit dem Hals (geöffnet) nach oben seien sie zu postieren. Die Flaschen, nicht die Bauarbeiter. Der sanft darüberstreichende Wind tue dann sein übriges und das eben unterirdisch.

Bierflaschen waren in diesem Sommer so ziemlich das einzige, dass sichtbar in diesem Garten wuchs. Doch ich muss zugeben, sie gediehen prächtig. Überall schossen sie quasi wie Pilze aus dem Boden. Ob Gemüsebeet, Rabatten oder Sonnenrasenstück – ein gleichmäßiger Teppich aus dem Boden ragender Flaschenhälse gab dem gesamten Areal eine ... ganz eigene Atmosphäre. Fast war ich versucht, mit der süddeutschen Gastronomenzunft den Rechtekrieg um die Verwendung des Begriffes „Biergarten“ aufzunehmen. Die wenigen Menschen, die sich trotzig über das Gerede der Nachbarschaft hinwegsetzten und dieses landschaftsarchitektonischen Kabinettstückchens ansichtig wurden, zeigten sich allesamt beeindruckt. Ich hatte mir zu solchen Anlässen angewöhnt, in mindestens die Hälfte der leeren Flaschen einzelne Schnittblumen zu platzieren. Gekaufte, versteht sich. Viel weniger beeindruckt zeigten sich hingegen die bepelzten Mitbewohner. Standhaft hielten sie mir die Treue. Am Ende der damaligen Gartensaison gab es dann wahrscheinlich zum ersten Mal seit überlieferter naturwissenschaftlicher Forschung gehörgeschädigte Nagetiere in Norddeutschland. Und ich hatte ein Alkoholproblem.

Vielleicht hätte ich ja Tschechisches Bier nehmen sollen. Tiere können da eigensinnig sein. Und konsequent. Genau so konsequent wie Bier dazu geeignet ist, Schnecken anzuziehen. Magisch. Und in großen Stückzahlen. Weiß der Himmel, wo all diese Tierchen überhaupt noch etwas zu fressen gefunden haben. Als sie schließlich dazu übergingen, sich gegenseitig zu verspeisen, erklärte ich die Gartensaison für diesen Sommer beendet und wandte mich eher herbstlichen Vergnügungen zu. Kastanientierchen bauen, zum Beispiel. Wenn man die dann auf Maulwurfshügel setzt, sehen sie mit etwas Phantasie ein bisschen aus wie Bergziegen.

Ich weiß nicht, wie ich jetzt darauf komme, doch es mag auch an der damaligen Nachbarin gelegen haben, dass mir die Arbeit unter freiem Himmel nicht wirklich viel Spaß gemacht hat. Das sieht in dem Garten, indem ich mittlerweile in Erinnerung an meine Maulwürfe schon mindestens viertelspatentief vorgedrungen bin, netter Weise ganz anders aus. Malerisch über den Spaten drapiert wische ich mit dem Handrücken ehrlichen Schweiß von meiner Stirn und achte sorgsam darauf, nicht unter Atemnot und Schwächegefühlen zusammenzubrechen. Statt dessen plaudere ich. Über Englische und Japanische Gärten, den unvergleichlichen Geschmack selbstgezogener Kirschtomaten und darüber, wie man effektiv und umweltschonend Maulwürfe oder Wühlmäuse vertreibt. Und ja, natürlich schaue ich mir später mit Vergnügen die neuangelegten Radieschenbeete im Gärtchen ihrer Großmutter an. Und nein, es macht mir nichts aus, den Spaten gleich mitzubringen. Schließlich muss einer so netten, alten Frau doch geholfen werden. Etwa dadurch, dass man ihrer reizende Enkelin beim Umgraben ein wenig unter die Arme greift. Ich meine. Zur Hand geht. Meine Güte. Der Rücken tut überhaupt nicht mehr weh. Ich spüre neue Kräfte in mir wachsen. Ja. Juchei. Wahrlich. Es ist Frühling.


Wird unser Gärtner die wahre Maulwurfsnatur seines Daseins noch rechtzeitig erkennen? Oder findet der giftspritzsprühendstreuende Nachbar zur Linken einen einfacheren Weg, ihn die Radieschen von unten betrachten zu lassen? Wir werden es nie erfahren. Denn während andere sich vom Umgraben erholen müssen, laden wir nette Enkelinnen längst auf einen Kaffee in der Einliegerwohnung ein ...

(c) 2011 verkomplizissimus

Dienstag, 29. März 2011

Es gibt für alles eine App

Ich gebe zu, ich habe immer ein wenig Angst vor diesem Tag gehabt. Vor dem Tag, an dem ich eine U-Bahn oder einen Bus betrete und junge Menschen aufspringen, um mir ihren Platz anzubieten. Dieses war der Tag, für den ich mir versprochen hatte, mein biologisches Alter nicht mehr zu sehr und zu deutlich vor mir selbst zu verleugnen. Mittlerweile weiss ich, dass dieser Tag niemals kommen wird. Dafür sind die jungen Menschen von heute einfach viel zu wenig erzogen.

Eigentlich, so sollte man denken, wäre dies nun ein wahrer Grund zur Freude. Der unwiderlegbare  Beweis körperlicher Endlichkeit bliebe aus; diese Grenze würde nie überschritten. Doch wäre die Jugend nicht die Jugend, hätte sie nicht längst viel perfidere Wege eingeschlagen, mir mit Nachdruck vor Augen zu führen, wie schrecklich alt das Eisen ist, zu dem ich mich offensichtlich zugehörig zu fühlen habe.

Nehmen wir diese weitunterzwölfjährigen Schulmädchen, die nicht nur das vorstehende Adjektiv in reformistischem Rechtschreibwahn auseinander geschrieben hätten, sondern die in öffentlichen Verkehrsmitteln mit traumwandlerischer Selbstsicherheit technische Geräte bedienen, welche in den Science Fiction-Serien meiner Jugend allenthalben weit überlegenen, extraterristrischen Intelligenzen zugebilligt worden wären. Mein technisches Grundverständnis scheint sich eher auf  Relikte aus einer Zeit zu beschränken, in der es noch Menschen auf diesem Planeten gab, die dem vorstehenden Satz schon beim ersten Lesen folgen konnten und die sich noch darauf verstanden, einen Radioapparat zu bedienen, der nicht in die Bedienungselemente eines Kraftfahrzeuges integriert war oder bei dem es sich ohnehin nur um ein Gadget auf einer Internetseite, einem mikroskopisch kleinen Abspielgerät für widerrechtlich angeeignete Musikdateien oder eine App im virtuellen Baukasten eines Gerätes befindet, dessen neuentdeckter Zusatznutzen angeblich darin bestehen soll, dass man sich über weite Distanzen mit Menschen unterhalten kann, die man nicht sieht.

Heute - schreibt man kürzer. Kleine, kurze Sätze. Da werden dem Mitteilungsdrang eben enge Grenzen gesetzt. Wie etwa 140 verfügbare Zeichen. Oder der Eigenwille einer Qwertz-Tastatur. Wie sie sich verändert. Dadurch. Nicht die Tastatur; die Welt. Thomas Manns Erzählungen  gibt es als Comic-Version zu kaufen. Warum auch nicht? Der Mensch gehe mit der Zeit. Schließlich gehe ich ja auch. Gehen wir ja alle. Mit der Zeit.

Ich will ja jetzt und hier gern und offenkundig gestehen, dass ich diesen Text gerade auf meinem Telephon schreibe. In der Bahn. Und im Stehen, wie ich dezent anmerken möchte. Also sozusagen in dokumentiert jugendlicher Frische.

Und die ist auch angezeigt, schließlich hat die linke, interessantere der beiden Freundinnen auf der Sitzbank dort drüben mich jetzt schon beinahe zweimal angelächelt. Eifrig schreibe ich weiter. Vielleicht mag sie ja Männer, die mit ernster Miene in der Bahn ihre wichtigen Gedanken zu ... nein, eben nicht mehr zu Papier, sondern zu Telephon bringen. Auch, wenn sich das seltsam liest oder anhört. Und - für nur eine Nachricht tippe ich jetzt, malerisch um die Haltestange gewunden, sichtlich und deutlich zu lang. Vielleicht mag sie ja auch Männer, die Geschichten schreiben und wir können nachher noch einen Kaffee oder ein Schlückchen Wein zusammen trinken. Dann könnten die Dinge gar sogar noch eine lyrische Wendung nehmen ...

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie kurz ihr Telephon auf mich richtet. Es macht ein klickendes Geräusch. Halt. Moment mal. Wir kennen uns doch gar nicht. Was fällt ihr ein etwas zu tun, was ich allenfalls noch den Nichtmalzwölfjährigen von weiter hinten und heute früher zugetraut hätte. Und es kommt noch schlimmer. Viel schlimmer. Denn immer wieder beugt sie sich jetzt mit ihrer Freundin über das Telephondisplay und: kichert. Beide kichern. In dieser nichtganzzwölfjährigen Art.

Ich tue, als bemerkte ich es nicht und überprüfe unauffällig den ordnungsgemäßen Zustand meiner Oberbekleidung sowie sämtlicher Knöpfe und Reißverschlüsse. Immer wieder dieses Kichern. Ich blicke auf und unsere Blicke treffen sich. Tatsächlich, sie schlägt kurz die Augen nieder. Und sie lächelt. Zumindest, bis sie erneut vom Giggeln ihrer Freundin angesteckt wird. In meinem Kopf rotiert es. Meine Knie werden ein wenig weich.

Ob sie eine dieser Applikationen auf ihrem Telephon installiert hat, vor denen ich in nächtlichen Werbespots immer wieder gewarnt werde? Vielleicht eine, die anhand meiner Silhouette die entsprechende Abweichung zum Body Mass Index ermittelt? Und sie kichern jetzt, weil das Display zu klein ist, um den ermittelten Wert ohne scrollen zu müssen anzuzeigen? Oder ... ist es gar einer dieser Nacktscanner, der mit Röntgenblick die intimeren Geheimnisse meiner Unterwäscheauswahl an den Tag - oder vielmehr: auf das Display der hübschen Dame bringt? Moment ... trage ich eigentlich gerade Unterwäsche?

Gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, dass ich zum einen längst aus dem Alter heraus bin, in dem ich keine Unterwäsche getragen habe und dass es sich ja bei diesen Telephonanwendungen um einen ausgewiesenen Schwindel handelt. Der sich dann im Kleingedruckten als "Fun-App" herausredet. So zumindest beschwerte sich ingrimmig ein alter Freud bei mir. Und hörte damit erst auf, als er meinem Blick wohl zu deutlich die Frage entnahm, was ich denn so von Menschen halten solle, die sich dererlei Applikationen für echtes Geld herunterladen. Und das dann meist auch gleich noch im Abo. Erst die Sicherheitskontrolle am heimischen Hamburger Flughafen hat mich wieder nachdenklicher gemacht. Aber dort muss man immerhin noch ganz in das Gerät steigen und kann nichts Kleingedrucktes mehr lesen, da man zuvor die Brille abnehmen musste. Telephone sind da übrigens auch verboten.

Ich fühle mich entblößt und verunsichert. Welche geheimnisvolle Anwendung steckt hinter diesem Gekicher? Habe ich irgendwelche neuen Trends der letzten CeBIT zu wenig beachtet? Die Science Fiction-Serien meiner Jugend schießen mir durch den Sinn. Droht mir eine spontane Entmaterialisierung? Oder wird meine Kleidung im nächsten Augenblick in ein zartrosanes Tutu umgewandelt? Wer aus der geschätzten Leserschaft auch immer mich kennen und schon einmal in einem rosa Tutu gesehen hat, mag nachempfinden können, was ich in diesem Augenblick fühlte.

Erlöst wurde ich durch die aussteigende Freundin der Dame, die mir im Vorübergehen aufmunternd zulächelte. Mein biblisches Alter kaschierend huschte ich flugs und elfengleich auf den freigewordenen Sitzplatz neben der Telephondame. Ich mag es, wenn Frauen auch heute noch zart erröten können. Jedenfalls mag ich das mehr als zartrosane Tutus in nicht angemessenem Kontext.

Ein klein wenig federleichte Konversation reichte aus herauszubekommen, dass nicht ich Ziel der fotographischen Attacke war, sondern das schräg über mir angebrachte Werbeplakat. Wer dies aufnehme und per MMS an die angegebene Nummer schicke, so das darauf lesbare Versprechen, erhalte im Gegenzug eine gute Idee. Und Gegenstand dieser Idee war, so die Antwort des freundlichen Werbecomputers, jetzt sofort einen Kaffee zu trinken. Ich liebe diese moderne Technologie. Und danke Starbucks für rechtzeitiges und zielgenaues Anbringen von Werbeträgern.

Wir haben dann doch auch noch einen Wein zusammen getrunken. Und herausgefunden, dass sie in der Tat Männer mag, die im Zuge langer Bahnfahrten seltsame Geschichten in ihr Smartphone tippen. Sie hat mir dann sogar noch ihre Telephonnummer gegeben. Und die Webadresse ihres Blogs. Und den Link auf ihr Facebookprofil. Und das bei myspace. Und bei Studi-VZ, den Lokalisten und bei friendscout24. Seit dem überlege ich, ob ich ihr auf wordpress.com einen Kommentar hinterlasse, sie bei xing.com oder doch lieber bei linkedIN adden oder sie einfach bei Twitter faven soll. Und ob ich mich diesem Grad an Vernetzung überhaupt noch gewachsen fühle. Für welchen Kanal ich mich auch immer entscheide, ich werde dafür wohl doch wieder mein Telephon benutzen.


Wird unser Held die horrenden Verbindungskosten seiner Zukunft verkraften können? Oder wird ihn eine spontanphysische Beschädigung seiner SIM-Karte in vollkommene Isolation treiben? Wir werden es nie erfahren. Denn wir fahren seit dem eigentlich nur noch mit Bus und Bahn, ständig auf der Suche nach Kaffeewerbung ...

(c) 2011 verkomplizissimus

Samstag, 4. Dezember 2010

Leise kriselt mein Zeh

So wie jedes Jahr sind auch in diesem Dezember mit zunehmender Annäherung des Winters wieder Kälte, Eis und Schnee vollkommen überraschend über uns hereingebrochen. Und schlimmer noch: statt sich brav auf Postkartenmotive, kindgerechte Rodelbahnen und Haustreppen missliebiger Nachbarn zu beschränken, fällt Schnee in all seiner Heimtücke vorwiegend unschuldige Eisenbahngleise, Flughäfen und Straßennetze an. In dem er darauffällt. Was auch auffällt ist, dass hier kaum jemand daran Anstoß zu nehmen scheint. Außer mir, der aktuell geradezu überall anstößt. Denn auch ich falle. Und das bevorzugt auf Straßennetzen, Flughäfen und Bahnanlagen.

Rufen wir sie uns doch noch einmal vor Augen, die Bilder all der Menschen, die phantasievoll und gewaltig gegen norddeutsche Atommüllendlager demonstrieren oder zwecks Erhalt süddeutscher Bahnhofsdenkmäler auf die Straße gehen. Wieso schweigen die Massen jetzt? Wo bleiben die Proteste? Was tun wir, wenn uns zu Hause fortwährend Wasser auf den Kopf tropft und alles zunehmend vereist, weil sich niemand für die Funktionstüchtigkeit der Heizung zuständig zu fühlen oder auch nur zu interessieren scheint? Ich stehe einsam wie einst Scott und Amundsen auf Augenhöhe mit der Spitze des aus unnatürlich wirkender Pudermasse herausagenden Bushaltestellenschildes und schreie meinen Unmut laut hinaus: Ich verlange Mietminderung!

Natürlich hört mich niemand. Denn wer ist schon so bescheuert wie ich,  bei dieser Wetterlage überhaupt das Haus zu verlassen, statt sich gemütlich auf das heimatliche Sofa drappiert eine Ausrede nach der anderen für Arbeitsaus- oder andere Fälle akuter Motivationsdefizite von Tagesschau und Wetterbericht quasi auf dem Slbertablett servieren zu lassen. Leise verfluche ich mein mir innewohnendes, renitentes Pflichtgefühl. Leise deshalb, weil meinem Mund seit dem Ausruf am Ende des letzten Absatzes vordringlich eine ernstzunehmende Menge Pulverschnee innewohnt. Sparsam, wie ich nun einmal veranlagt bin, rolle ich mein mitgebrachtes Frühstücksei ein bisschen auf der Straße hin und her, schmiede gedankenverloren Rachepläne und erwäge, mich erst einmal zur nächstgelegenen Drogerie durchzuschlagen und mindestens siebenundzwanzig Dosen Haarspray zu kaufen. Wollen wir doch mal sehen, wer hier in Sachen globaler Klimaerwärmung zuletzt lacht.

Ja. Natürlich weiß ich, dass es eben jene Erwärmung globalen Ausmaßes ist, die unsere Sommer immer heißer und trockener und unsere Winter kälter und länger werden lässt. Die komplexen Zusammenhänge von schmelzenden Polkappen, abnehmender Salzkonzentration auf meinem Frühstücksei und wild mit den Flügeln um sich schlagenden Schmetterlingshorden im Amazonasdelta sind mir wohlvertraut; ich lebe sie, sozusagen. Und das jeden Tag. Bitte rufen Sie nicht mehr deswegen an.

Und genauso natürlich lege ich den Weg zur Bahnstation zu Fuß zurück. Nicht viel anders dürften sich die Wanderer durch die Rocky Mountains hinauf zum Yukon gefühlt haben – mit abgefrorenen Zehen, getrieben von der Gier nach Gold, Reichtum und einem sorgenfreien Leben unter Palmen. Mit einem am Wegesrand gefundenen Knüppel wehre ich die Wölfe und Bären ab, die mir schon seit Stunden hinterherschleichen, und übe mich in Bescheidenheit. Gold und Reichtum sind mir nicht wichtig. Eine S-Bahn, die mich verlässlich zum Flughafen bringt, würde mir schon vollkommen ausreichen. Doch auf wie so viele von denen, welche die Strapazen der langen Wanderschaft in Richtung Nordkanada mit Mühe und Not überlebt haben, wartet auch auf mich nichts als Enttäuschung.

Denn auch hier haben sich die Menschenmassen nicht vereinigt, um ihrem gerechten Zorn über diese untragbaren Wetterverhältnisse protestierenderweise Luft zu machen. Vielmehr haben sie sich hier versammelt, um mit mir auf den Zug zu warten. Irgendwie hat das ja auch etwas Solidarisches. Mit dem spontanen „Wir-Gefühl“ ist es allerdings in der Warteschlange vor dem einzigen, kleinen Kiosk, der im Rhythmus seiner Vorkriegszubereitungsmaschine von Zeit zu Zeit heißen Kaffee ausschenkt, schnell wieder vorbei. Die Gesetze Darwins regieren ungezügelt. Mit ausdruckslosen Gesichtern stapfen wir grimmig über kleine Hügel hinweg, die den Weg zur Heißgetränkausgabe säumen. Diese armen Teufel haben es nicht geschafft. Irgendwo zwischen ihnen vermute ich meinen linken, großen Zeh.

Sehr geehrte Fahrgäste, die nächste S-Bahn hat derzeit eine Verspätung von etwa 115 Minuten. Grund dafür ist eine eingefrorene Weichenanlage. Nichts mehr an mir fühlt sich noch auch nur entfernt weich an. Spontan kommt mir ein Gedanke, wie ich jetzt gern persönlich am Enttauen der eingefrorenen Weiche mitwirken würde. Das könnte an den etwa zweieinhalb Litern Kaffee liegen, die ich mittlerweile getrunken habe, um mich ein wenig am Pappbecher zu wärmen und so wenigstens am Leben zu bleiben. Die Gefühle, die mich jetzt überkommen, lassen mich daran zweifeln, ob es diesen Aufwand gelohnt hat. Gern würde ich mir schnell noch einen Kaffee kaufen. Doch alles Geld, das ich in meiner Hosentasche bei mir trage, ist zu einem formlosen Klumpen zusammengefroren.

Im Schein der ersten Strahlen der Abendsonne erreiche ich den Flughafen. Die Toiletten dort sind wegen eingefrorener Abwasserleitungen geschlossen. Ich fühle nichts mehr. Nicht einmal mehr Enttäuschung oder Wut. Und meine Zehen schon gar nicht. Ich möchte nur noch weg. Egal wohin. Vielleicht nach Yukon. Schlimmer kann es dort auch nicht sein. Und vielleicht finde ich ja etwas Gold. Zunächst aber finde ich einen Schalter. Ich möchte ihn umlegen. Oder vielmehr den gutgelaunten Angestellten der Fluggesellschaft dahinter. Der vordergründig Verständnis heuchelt, dessen Zucken in den Mundwinkeln mich aber seine wahre Meinung über die Menschen erkennen lässt, die an Tagen wie diesen hierher kommen, ernsthaft getragen von der Erwartung, heute noch fortfliegen zu können. Doch er winkt den beiden Jungs, die absprungbereit mit einer weißen, von vielen Gürteln gezierten Jacke hinter der nächsten Ecke stehen, gelassen ab. Statt dessen greift er in eine Schublade und schiebt mir ein Tütchen flugzeuggeformter Weingummis zu. Dabei lächelt er.

Ich bin eher der gelassene, selbstbeherrschte Typ. Viele Menschen schätzen an mir die Ruhe und klare Souveränität, die ich auch unter größten Belastungen auszustrahlen verstehe. Selbst in kritischen Situationen verliere ich nicht meine Ausgeglichenheit und Freundlichkeit. Mit selbiger stelle ich also jetzt dem jungen Mann von der Fluggesellschaft anheim, sich die Weingummis – bestmöglich einzeln – in jene, dem natürlichen Abschluss des Verdauungsprozesses zugeordnete Körperöffnung einzuführen, erledige die eilends hinzugesprungenen Jungs mit der weißen Jacke durch gezielte Handkantenschläge und tauche in der amorphen Masse verschlipster Geschäftsreisezombies unter. Hier falle ich nicht weiter auf. Bin ich doch selbst einer der ihren.

Bei einem gestrandeten Rucksacktouristen tausche ich seinen frostfesten Schlafsack nebst Notzelt gegen ein zweites Paar Socken und ein halbes Stück Seife (seine flüssige hatte ihm die Flugsicherung abgenommen, weil sie knapp die Hundertmillilitergrenze überschritten hatte) und kämpfe mich durch Massen lethargisch wartender Untoter ins Basement hinunter. Dort weiß ich einen Supermarkt, mit einer süßen, rothaarigen Kassiererin. Dort vermute ich noch Lebensmittel. Und frischen Kaffee. Und vielleicht einen Plastikeimer; wer weiß, wie lange die Toiletten noch geschlossen bleiben. Und wie lange es dauern wird, bis ich diesen Flughafen wieder verlassen kann. Egal wohin. Und egal, auf welchem Weg. Ich habe mich entschlossen, am Leben zu bleiben. Vielleicht finde ich ja ein wenig Gold, irgendwo. Und werde dann mit der süßen Kassiererin eine kleine Familie gründen. Irgendwo, wo niemals Schnee fallen wird. Auf meine nunmehr zehenlosen Füße. Niemals.


Werden die Nachkommen der kleinen Familie den Yukon jemals erreichen? Und wie wird der Angestellte der Fluggesellschaft den Umstand verdauen, dass Weingummi bei Kontakt mit Feuchtigkeit enorm anschwellen kann? Wir werden es nie erfahren. Denn wir stecken die ganze Zeit schon in einer Schneewehe, irgendwo auf der A7, und bekommen die vereiste Scheibe der Fahrertür nicht herunter, durch die uns das rote Kreuz eine heiße Brühe zureichen möchte, damit wir sie über unsere erfrierenden Zehen gießen können ...

(c) 2010  verkomplizissimus

Donnerstag, 25. November 2010

Rede mit mir

Spricht Rilke von wachsenden Ringen, in denen man sein Leben so leben könne, ist für mich zunächst die Idee der endlosen Kreisform klar nachvollziehbar. Der Wachstumsgedanke hingegen stößt schnell an die Grenzen zu enger Kleidung. Wobei sich – bei genauerer Betrachtung – dann doch einige Bereiche finden lassen, die sich zunehmend und konzentrisch ausdehnen.  Nein, ich spreche jetzt nicht mehr von meinem Bauch. Ich spreche von den vielzähligen Komfortzonen, in denen ich mich sonst noch so und vor allem eben gedanklich bewege.

Zum Beispiel ist es noch gar nicht so lange her, dass ich es für bedenklich hielt, in einen nicht nur gedachten Dialog mit unbelebter Materie zu treten. Heutzutage gehört es zu meinem gemeinen Alltagserleben, emotionale und zuweilen auch durchaus laute Worte an informationsverarbeitende Elektronik, Fahrkartenautomaten oder elektronische Türschloss-Systeme zu richten. Die Grenze der Besorgnis hat sich also deutlich verschoben und bezieht sich inzwischen eher auf das Maß, in dem die so von mir angesprochenen Dinge dazu neigen, mir zu antworten. Insbesondere in den Fällen, in denen sich gelegentlich Ausbrüche körperlicher Gewalt nicht vermeiden lassen.

Doch die Welt im Allgemeinen und mein Leben im Besonderen arbeiten hart daran, auch diese Grenze zu verschieben. Konzentrisch und konzentriert. Was habe ich mich dereinst über die Erfindungen der Sirius Kybernetik-Corporation (googeln) amüsieren können. In einer Zeit, als Quittungstöne noch aus rauschigem Quäken bestanden und man sie sofort nach Inbesitznahme des Gerätes deaktivierte. Heute möchte ich mit einem Telephon ein Foto machen (schon allein dieser Umstand scheint uns so gar nicht mehr absurd) und es spricht mich statt dessen mit verführerischer Stimme an: „Sagen sie einen Befehl“. Weil ich es natürlich wieder einmal verkehrt herum gehalten und damit einen anderen als den beabsichtigten Auslöser gedrückt habe. Muss es denn gleich so devot darauf reagieren? Und warum sind diese Stimmen eigentlich immer weiblich? Soll mich das in irgendeiner Weise motivieren? Und wozu?

„Sie haben eine falsche Taste gedrückt.“ Ich meine ... gut. Ich will ja offen bekennen, dass ich diesen Satz im Laufe meines Umganges mit der einen und auch mit der anderen Dame durchaus schon einmal zu hören bekam. Zumindest der inhaltlichen Grundaussage nach. Zumeist jedoch war er sprachlich klarer formuliert, gern durch entsprechende Mimik oder explizite Gesten (wie etwa einem Schlag mit der flachen Hand an die Wange) illustriert und selten von der betont freundlichen Aufforderung begleitet, nun doch gleich noch einmal ganz von vorne anzufangen. So etwas verwirrt mich. Es widerspricht meiner gesamten, bisherigen Lebenserfahrung. Und das bei meinem Hang zur Kontinuität. Wer hat da eben gelacht?

Natürlich hat es auch im Laufe meines Lebens echte Wendepunkte gegeben. Ich denke da zum Beispiel an die komplette Neuausrichtung meiner Reinkarnationsplanung, seit ich erfahren habe, dass der Orgasmus eines gewöhnlichen Hausschweins bis zu einer halben Stunde andauern kann. Also versuche auch ich immer wieder von den Segnungen technischer Weiterentwicklungen Gebrauch zu machen. Schließlich bin ich ja dem Fortschritt an sich gegenüber nicht abgeneigt. Bin zum Beispiel ein eifriger Nutzer zeitgemäßer Nachrichtentechnologien. Selbst wenn ich konservativ genug bin zuzugeben, dass ich noch immer ein bisschen rot werde, wenn ich irgendwo zum zweiten Mal anrufen muss um zu vermelden, dass soeben leider das Betriebssystem meines Telefons abgestürzt ist. Was so ein Telefon heutzutage aber auch nicht alles kann. Oder ein „Handheld“. Ich verliere da leicht den Überblick. Wie letztens, als eine verschreckte Dame die ihr vermeintlich stilvoll dargereichte Tasse heißen Kaffees voller Panik vom ihrem LCD Device riss und meinen Hinweis, es handle sich hier doch ausweislich um einen Tablet PC so gar nicht humorvoll aufzunehmen verstand. Der Besitzerstolz technikverliebter Damen ist nicht zu unterschätzen.

Mein durch und durch besitzloser Verstand stößt auch immer wieder an die Grenzen seines Humors. Zumal dann, wenn kleine Geräte sich ernsthaft einbilden, mir ihren Ablauf der Dinge aufzwingen zu können. Mich unbeirrt und unaufhörlich mit Fehlermeldungen bombardieren und zu keiner vernünftigen Diskussion fähig sind. Sondern sich im Falle unterschiedlicher Meinungen über das, was jetzt zu tun und was nicht zu tun wäre, quasi beleidigt abwenden. Und einfach jede weitere Leistung verweigern. In solchen Situationen konnte ich mich wiederholt davon überzeugen, dass zum Beispiel die Flugeigenschaften eines handelsüblichen, zeitgemäßen Mobiltelephons mittlerweile durchaus ausgereift und im Vergleich zu den Vorgängermodellen einen deutlichen Schritt nach vorn gemacht haben. Meine Bitte an die Experten der Mobiltelephonindustrie wäre es nunmehr, sich verstärkt den Aufpralleigenschaften zuzuwenden. Schon als Kind habe ich diese 1000-Teile-Puzzles immer gehasst. Vor allem dann, wenn Teile fehlen. Zum Beispiel, weil sie irgendwo in Rasenflächen oder in Ritzen des Bürgersteiges verschwunden sind. Überhaupt. Experten.

Statt dass sich Heerscharen internationaler Germanisten mit reformatorischem Ingrimm darum bemühen, mich zu zwingen, gewohnt aneinandergeschmiegte Buchstabenkonstellationen künftig aus ein an der zu schrei ben, wäre es eine doch viel lohnendere Initiative, dem Wildwuchs seltsamer Akronyme an Deutschen Fahrkartenautomaten Einhalt zu gebieten. Gerät doch das liederliche Anersinnen, einen dieser kleinen, sakral gefärbten Orte mittels des öffentlichen Nahverkehrs zu erreichen, zunehmend zu einem munteren Ratespiel. Ob in diesem Falle denn nun die Kürzstform „St“, ein weniger kurzes „Skt“ oder gar ein spanisch inspiriertes „San“ zu wählen ist. Ob mit oder mit ohne Punkt. Man gebe sich nicht dem Irrglauben hin, ein ausgeschriebenes „Sankt“ wäre so etwas wie ein verlässlicher Rückzugsort allgemeinen Konsenses; die Schreibweisen variieren selbst am gleichen Automaten mit Wechsel des entsprechenden Verkehrsbetriebes. Da fällt es noch vergleichsweise leicht zu akzeptieren, dass ich eben jenem Automaten neben dem Fahrziel noch meinen Familienstand, meine Blutgruppe und meine Schuhgröße mitteilen muss, damit der für mich in dieser Stunde ausgeloste Fahrpreis errechnet werden kann. Und seit die Strafgebühr fürs Schwarzfahren an vielen Orten mittlerweile ebenfalls per Automat entrichtet werden muss, ist auch das keine wirkliche Alternative mehr.

Stets das Gleiche zu tun und dabei immer wieder ein anderes Ergebnis zu erwarten, ist eine der gebräuchlichen Definitionen von Wahnsinn. Was sich auf diese Art für manche Menschen nur in der Erlebniswelt streng ritualisierter Religionsausübung erschließt, bestimmt in zunehmendem Maße meinen Alltag. Soll doch etwa das jeden Tag millimetergenau wiederholte Streicheln eines Metallkastens mit einem kleinen Plastikstück mir eigentlich alle Wege in den beruflichen Alltag erschließen. Tut es aber eben nicht. Zumindest nicht immer. Der Katechismus der Dinge, die ich in festgelegter Reihenfolge und detailgenauer Choreographie vor einer Jury elektronischer Erkennungsgeräte abarbeiten muss, um nachzuweisen, dass ich ich bin, wuchert mit jedem neuen Gadget, dessen die Sicherheitsabteilung habhaft werden kann.  Die Prozesse sind mittlerweile so ausgeklügelt, dass ich zuweilen selbst schon an der Aufrichtigkeit meiner Existenz zu zweifeln beginne. Doch jeden Morgen wieder vollführe ich das gleiche Ritual in der wirren Hoffnung, wenigstens einmal das erwünschte Ergebnis auf Anhieb zu erzielen. Mit dem gleichen Erfolg, den wiederholte Rituale bei Frauen haben. Wahrscheinlich steckt doch ein tieferer Sinn dahinter, dass die meisten Stimmen der Geräte weiblich sind.

In meiner kleinen Wohnung habe ich einen Toaster, bei dem ich das Brot per Hand wenden muss. Eine Kaffeemaschine, bei der ich gemahlene Bohnen und heißes Wasser in ein Glasgefäß gebe und diese Mischung dann dadurch wieder trenne, dass ich ein feines Stahlsieb herunterdrücke. Und ich habe ein Handrührgerät, das durch einen ausgeklügelten Zahnradmechanismus die manuell an eine Kurbel übertragenen Bewegungsimpulse in rasend schnelle Drehungen der Rührköpfe umzusetzen weiß. Oft treffen wir vier uns abends in der Küche, setzen uns für einen Augenblick zusammen und ich erzähle den dreien, wie wahnsinnig die Welt da draußen inzwischen geworden ist. Sie hören mir zu und spenden mir Trost. Manchmal glaube ich, sie sind die letzen, die mich noch verstehen.

Wie wird unser Held die zunehmende Verbreitung von WII, Kinect und Co. verarbeiten? Und wann bei einer Frau endlich einmal die richtigen Knöpfe drücken? Wir werden es nie erfahren. Weil wir gerade viel zu tief in eine scheinphilosophische Debatte mit dem Zigarettenautomaten verstrickt sind ...


(c) 2010 verkomplizissimus

Dienstag, 23. November 2010

Zwischen Pontius und Pilates

Nun sagt man, ein Indianer und ein starker Rücken kennten keinen Schmerz. Diese Erkenntnis allerdings mag aus einer Zeit stammen, in der hinterlistige Spätsommerböen einem noch nicht das Rigg aus der Hand zu reißen trachteten. Und sie sich – hält man denn dagegen – statt am Rigg eben an der Schulter- und Rückenmuskulatur des Haltenden schadlos halten. Zumindest dem Gefühl nach so gar nicht ohne Schaden. An der Schwelle zur Körperlichkeit können Gefühle zuweilen wahrlich hinderlich sein. Zumal, wenn man versucht, gerade wieder hoch zu kommen. Auf das Brett. Wasser kann im Frühherbst nämlich schon recht kühl sein.

Meiner Schulter ist diese freche Böe recht gut im Gedächtnis geblieben. Schultern können bei so etwas sehr, sehr nachtragend sein. Nach einigen Tagen und Wochen, in denen meine Körperhaltungen auf der Suche nach schmerzfreien Positionen mehrfach Fragen meiner Mitmenschen nach besonderen Formen des Yoga am Arbeitsplatz, Tai Chi beim Einkaufen oder dem Verlauf der Rekonvaleszens nach dem augenscheinlich so argen Motorradunfall provoziert hatten, war es also an der Zeit, medizinisch fachkundigen Rat einzuholen. Oder besser: gleich praktische Hilfe. Schon sprachlich lag es da nahe, mich in erster Instanz an einen Chiropraktiker zu wenden.

Nach kurz und schmerzvoller Untersuchung kam er dann auch gleich zu praktischen Ergebnissen: auch ihm ging es darum, etwas zu wenden. In diesem Fall meinen Oberarm, und das sowohl spontan als auch in recht unerwarteter Richtung. Unerwartet folglich auch die Wendung, welche die Dinge dann nahmen. Wer kennt ihn nicht, diesen netten, kleinen Reflex an der Patellarsehne, der, ausgelöst durch ein putziges Gummihämmerchen, lustige Zuckungen im Bein verursacht. Es gibt jedoch auch diese anderen Reflexe, die komplexere Bewegungsabläufe nach sich ziehen. Wie zum Beispiel eine spontane Ausstreckbewegung des linken Armes mit halber, schwunghafter Drehung des Oberkörpers, welche die wachstumsbedingt am Ende des Arms befestigte und reflexbedingt zur Faust geballte Hand annähernd mit Schallgeschwindigkeit an das Kinn eines am anderen Arm drehenden Chiropraktikers annähert.

Eine Weile tauschten wir danach in ruhigem Gespräch eine Reihe fundierter Argumente aus. Um ehrliches Verständnis bemüht, sah ich es meinem Gegenüber nach, dass wiederkehrende Worte wie „Strafanzeige“, „Schmerzensgeld“ und „gerichtliche Klärung“ durch die bedrohlich anwachsende, farbenfrohe Schwellung seiner Gesichtsmuskulatur zunehmend nur genuschelt hervorgestoßen wurden. Ich führte hingegen an, dass es sich hier ganz klar um eine zwangsläufige und nicht zu unterdrückende Reaktion meines Körpers gehandelt habe – eben einen Reflex. Dies ließe sich wissenschaftlich allein schon durch die Reproduzierbarkeit des Geschehenen nachweisen. Kooperativ, wie ich nun einmal veranlagt bin, bot ich mich auch bereitwillig an, sofort den Nachweis darüber durch präzise Wiederholung der Abläufe der letzten dreißig Sekunden gleich hier zu erbringen. Er sah davon ab. Und schickte mich stattdessen zu einem befeindeten Orthopäden.

Arztbesuche können mitunter Seltsames bewirken. Ich weiß das und bin darauf gefasst. So wunderte ich mich nur wenig, als mich im Zuge der Behandlung beim Orthopäden Erinnerungen an manch kindlich-idyllischen Fernsehnachmittag geradezu überschwemmten. Auslöser dafür mag das spritzenartige Instrument gewesen sein, mit dem der gute Mann mich augenscheinlich ich die Schulter zu stechen beabsichtigte. Der Moment, in dem ich das letzte Mal ein vergleichbares Werkzeug zu Gesicht bekommen hatte, war, als James Harriot es aus seiner Doktortasche nahm, um eine Kuh zu impfen – in der von mir seinerzeit heißgeliebten, englischen Serie „Der Doktor und das liebe Vieh“. Mein schüchtern vorgebrachter Hinweis, in der guten, alten Zeit, in der die Kirche noch etwas zu sagen hatte, seien Menschen, die andere mit Nadeln stechen, gern und öffentlich auf Scheiterhaufen verbrannt worden, schien wenig Eindruck auf ihn zu machen. Mehr Eindruck auf mich hingegen machte die langsam an der Vorderseite meiner Schulter hervortretende Ausbeulung, unter der sich immer deutlicher die Spitze der mir rückwärtig eingerammten Injektionsnadel abzeichnete. An sehr viel mehr Einzelheiten dieser Behandlung erinnere ich mich nicht.

Geweckt wurde ich durch die laut geführte Unterhaltung meiner nächsten Angehörigen, die, um die Liege versammelt, auf der zu weilen ich nach einer Weile festzustellen begann, unvereinbare Meinungen über die Aufteilung meines Erbteils austauschten. Dass ich mich aktiv in diese Auseinandersetzung einzumischen begann, wurde von allen Beteiligten als weniger unterhaltsam empfunden. Wahrscheinlich deshalb kam man überein, mich – zur endgültigen Klärung der Angelegenheit – an einen anderen Orthopäden weiterzureichen.

Dieser Mann war ein Photofetischist. Ich habe seit diesen Tagen eine Menge an Stromkosten gespart, denn die im Zuge der Röntgenaufnahmen von mir absorbierte Radioaktivität versetzt meinen Oberkörper bei Dunkelheit in ein schwaches Glimmen, das als Leselicht für abendliche Bettlektüre vollkommen ausreicht. Wie sehr dieser Mann seinen Beruf liebte, ließ sich leicht daran ablesen, wie seine langen, verklebten Haare im Gleichklang mit seiner Bleischürze herumwirbelten, während er immer wieder die Röntgenkamera in neue Positionen brachte und mich mit Rufen wie „Ja, Baby, streck sie mir entgegen, ja, das ist gut so ... yeah, und jetzt reck Dich ein bisschen, nimm die Arme hoch ... ja, so ... Klasse, Baby, so liebt es die Kamera ... ja, bleib so!“ anfeuerte. Letztens fand ich einige Bilder, die diesen Aufnahmen verdächtig ähnlich sahen, per Zufall auf einer zwielichtigen Internetseite wieder, doch ich hätte per Kreditkarte und unter Beibringung etwa eines Jahresgehaltes den Premium-Zugang kaufen müssen, um das anhand einer vergrößerten Ansicht genauer prüfen zu können. Es ist erschreckend, zu welchen Verzweiflungstaten sich Ärzte angesichts der immer weiter fortschreitenden Reform des Gesundheitswesens hinreißen lassen müssen.

Der nächste Orthopäde verordnete mir Fango, der übernächste Eispackungen. Ich sollte meine Schulter wahlweise durch Eingipsung in den absoluten Ruhezustand versetzen oder mich noch diesen Nachmittag bei einem Ruderclub anmelden. Ein echtes Highlight hingegen war der irgendwann von irgendwem verordnete Besuch bei der Krankengymnastik.

Gut, ich hätte vielleicht eher Verdacht schöpfen sollen, als ich die Wendeltreppe in den Behandlungskeller hinabstieg. Holzfackeln warfen wirre Schatten auf die dunklen Mauern und Moder lag in der Luft. Doch da war das schwere Eichentor hinter mir schon mit angemessenem Knarren in sein schweres Schloß gefallen. Außerdem fand ich die mir zugeteilte Physiotherapeutin eigentlich ganz adrett, auch wenn mich die hohen Absätze ihrer Stiefel und die ab und zu unter dem weißen Behandlungskittel hervorblitzende Ledercorsage weiter misstrauisch stimmten. Das Klicken der Metallschellen, mit denen sie mich an der Wand des Behandlungszimmers ankettete, ging freundlicherweise in den Schreien unter, die aus den Nebenräumen herüberdrangen. Verträumt schaute ich in das sanfte Kohlenfeuer, in dem die glühenden Eisen vorbereitet wurden – offenbar für die verordnete Wärmebehandlung – und fragte mich noch, wie hoch wohl der zuzuzahlende Eigenanteil hinsichtlich der Rezeptgebühr ausfallen würde. Als ihrerseits meine Physiotherapeutin begann, ausfallend zu werden. Ich werde diese ausgefallene Behandlung nicht so schnell vergessen. Auch, wenn ich die anderen fünf auf dem Rezept vermerkten Termine dann doch lieber habe ausfallen lassen.

Gerettet hat mich schließlich der von irgendeiner Stelle an irgendeinem Punkt irgendeiner Behandlung geäußerte, dringliche Vorschlag, ich solle doch ein Fitness-Studio besuchen. Das habe ich dann auch getan. Dort haben sie am Eingang diese sich automatisch öffnenden Glastüren – von der Sorte, die mich so gern zu ignorieren pflegt. Mit voller Wucht ihrer mechanischen Gewalt traf mich eine dieser Türen, die plötzlich meinte sich schließen zu müssen, als ich mitten beim Hindurchgehen war. Natürlich genau an der Schulter. Und muss dabei anscheinend irgendetwas wieder eingerenkt haben. Man mag also von der modernen Schulmedizin halten, was man mag – geholfen hat sie am Ende ja schließlich. Schließlich im wahrsten Sinne des Wortes. Und das ist es doch, was zählt, oder?

Wird sich unser Held nun gleich wieder – allen drohenden Herbststürmen trotzend - aufs Brett wagen? Oder konnte seine Physiotherapeutin ihm dann doch ein gänzlich anderes Konzept der Freizeitgestaltung nahebringen? Wir werden es nie erfahren. Schließlich. Sind wir viel zu sehr damit beschäftigt, unsere Zeit in Wartezimmern totzuschlagen ...


(c) 2010 verkomlizissimus

Im Netz der Abhängigkeiten

Als Verfolger eines an sich eher polytoxischen Lebensstils gibt es hinreichend Gelegenheiten, sich an selbstgebastelten Fremdbestimmungen in meinem Alltag zu erfreuen. Wenn ich daran denke, was mir an Erlebnissen hätte entgehen können, wäre ich nicht gegen vier Uhr in der Früh in die Not geraten, nach einer noch geöffneten Tankstelle zu suchen, um Nikotin oder Koffein zu erwerben ... mein Leben wäre an manchen Stellen gewiss anders abgebogen, als es das tat. Möchte ich diese Momente missen? Ich will sagen: überwiegend wohl ja. Versuche ich doch ansonsten tapfer, mein Leben so weit irgend möglich selbst in der Hand zu halten und wo immer es geht zu vermeiden, von irgendetwas oder irgendjemandem abhängig zu sein. Und sei des nur der Schönheitsschlaf eines Tankstellenbesitzers.

Um wie vieles schlimmer dann die Erkenntnis, wenn sich insgeheim etwas eingeschlichen hat, das meinen Alltag fester im Griff hält, als mir zunächst bewusst war. Bis jetzt den dunklen Kreislauf der Beschaffungskriminalität vermieden zu haben steht auf der einen Seite. Die eigene Komfortzone durch ständige Verfügbarkeit grundlegender Ressourcen unbotmäßig auszudehnen, auf einer anderen. So wird uns doch erst im Schlund eines Vulkans, am Grunde des Ozeans, in erdnaher Umlaufbahn oder bei einem Behördengang auf einen Donnerstagnachmittag klar, dass die Luft, die wir atmen, eine wertvolle wie auch zuweilen knappe Ressource ist. Luft sollte uns allerorten umgeben und ist im besten Falle weitgehend unsichtbar sowie geruchs- und geschmacksneutral. Damit kommen wir dem eigentlichen Thema zaghaft einen Schritt näher.

Meine vom Wirtschaftlichkeitswahn gebeutelten Kunden („Es wird gespart, koste es, was es wolle“) treibt es zwar in der Regel nicht in Behördenräumlichkeiten, ansonsten aber durchaus immer häufiger an die Randzonen menschlicher Zivilisation. Legosteingleich zusammengesteckte Containermodule, die sich – fern der großen Städte - harmonisch in Auenwiesen, ausgedehnte Waldgebiete oder touristisch wenig attraktive Küstenregionen schmiegen, erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Und reißen selbst den geübten Berater aus dem gewohnten Reisetrott. Ergänzen zum Beispiel Outdoor-Kleidung, Ein-Mann-Zelt und Gummistiefel in seiner Garderobe und pures Abenteuer auf seiner Wochenagenda. So weit, so gut.

Dass Firmennetzwerke in der Regel für anrüchige Seiten, auf denen Menschen vorrangig Nachrichten miteinander auszutauschen pflegen, gesperrt sind, folgt der Logik der Legosteincontainer. Dass mein ohnehin fragiles, fragmentiertes und spärliches soziales Netzwerk vital auf eben diese Seiten angewiesen ist, folgt wiederum der Logik des Beraterdaseins. Interessenausgleich schaffen hier in der Regel die Breitbandangebote der um die Legosteinenklaven angesiedelten Containerhotels. Zumindest sollten sie das. Schlimm wird es erst, wenn sie fehlen. Und durch anheimelnde, familiengeführte, schmucke Pensionen ersetzt werden, die seit urerdenkllichen Zeiten fahrenden Ochsenhändlern, übernächtigten Zechern oder reisenden Versicherungsvertretern Herberge geboten haben. Wasser wird auf Wunsch in Holzeimern aufs Zimmer gebracht und die einzige Form von Netzzugang, von der man hier jemals gehört hat, ist weiter unten im Dorf beim Flewmaker zu finden. Der würde jetzt schon in der dritten Generation die Fischer der Umgegend mit Arbeitsgerät versorgen. Gewiss seien sie einwandfrei. Ob sie aber auch IBM-kompatibel sind, sei nicht überliefert. Zum Glück und zur Not habe ich auch noch ein Dell-Notebook dabei.

Doch ein Notebook, gleich welcher Herkunft, bleibt ohne Netzzugang eben nur ein Rechner. Und ungefähr so kommunikativ wie ein Badezimmerspiegel. Man kann Solitär spielen, an seinen Memoiren oder dem Buch schreiben, dass man doch schon seit zwanzig Jahren im Kopf hat, oder es nebenbei für die Dinge nutzen, für die einen der Arbeitgeber eigentlich bezahlt. Doch ich habe ein Recht auf Freizeit. Ein Recht auf Sozialleben. Und ich habe ein Smartphone.

Die Erinnering an jenen Monat, in welchem meine Mobiltelephonrechnung den kühnen Sprung weit in den vierstelligen Euro-Bereich hinein wagte, ist einer jener Momente, die mich mein Leben lang begleiten werden. Der genauere Blick in die Rechungsdetails offenbarte, dass für jede im befreundeten Ausland hergestellte Internetverbindung eine kleine, verschmitzte Gebühr erhoben wurde. Die nicht weiter erwähnenswert gewesen wäre, an sich. Würde mein Telefon zwecks Abfrage meiner E-Mails nicht etwa alle 20 Sekunden eine Internetverbindung herstellen. Und das ca. 24 Stunden am Tag. Angesichts dieses Grundrauschens fielen die Datenübertragungskosten von mehreren Euro pro MB fast gar nicht mehr ins Gewicht. Meinen Kunden rate ich stets und gern, aus Performance-Gründen ihre Webseiten leicht und schlank zu halten. Selten war mir so klar wie in diesem Moment, wie sehr ich damit wirklich recht hatte.

Seit dieser Disziplinierung bin ich brav und deaktiviere im Ausland die Datendienste meines Mobilfunkproviders. Das ist kein leichter Schritt, raube ich damit doch meinem Telephon so ziemlich alles, was es vom Grunde her „smart“ macht. Wer sich an die Szene im Film „2001 – A Space Odyssey“ erinnert, in welcher Dave (mit – zugegeben – besseren Gründen als ich) HAL 9000 die Platinen aus dem Leib reißt, weiß, wovon ich hier schreibe. Nach drei Tagen ohne Kontakt zur Außenwelt bewegte sich meine Stimmung folglich irgendwo zwischen Ligeti und Strauß-Walzern. Zu dumm, dass ich mich die meiste Zeit meines Lebens im Ausland aufhalte. Nach Stunden sinnlosen Dahinmeditierens über den weißen Bildschirm meines Laptops erschreckte mich der Blick in den wirklichen Badezimmerspiegel. Verloren starrten mich zwei blutunterlaufene Augen aus einem graufahlen, weißfleckigen Gesicht an. Ein eilends angestellter Vergleich mit meinem Passphoto legte Zweifel nahe, doch die Synchronizität von Bewegungsabläufen trat den erschütternden Beweis an, dass tatsächlich ich es war, der mir da entgegenstarrte. So konnte es nicht weitergehen.

Mit zitternden Fingern und kaltem Schweiß auf der Stirn tippte ich im Fieberrausch die Tastenkombinationen, welche die Datendienste meines Telephons wieder aktivierten. Geld ist sowieso nur virtuell und kann angesichts der wirklich entscheidenden Dinge des Lebens zu einer so nebensächlichen Sache werden. Endlos zogen sich die Millisekunden dahin, bis endlich das kleine, vertraute, so lieb gewordene „Ich bin online“-Symbol im Display auftauchte. Erschöpft sank ich in die fremden Kissen des Hotelbetts zurück. Mit jedem Pieps, der vom Eintreffen einer neuen E-Mail kündete, durchflutete mich eine neue Welle aus Dopamin und Serotonin. Die verhärteten Muskeln meines Gesichts deformierten sich mehr und mehr zu einem seeligen Lächeln. Etwa eine halbe Stunde hielt dieser Zustand an und brachte wieder ein wenig Farbe in mein Gesicht.

Bis ich begann, die E-Mails zu lesen. Fast alle benachrichtigten mich über neu erschienene Blogs, für die ich einst ein Abonnement angenommen hatte. Nur. Dass sich die mit dem Mails verschickten Links auf eben diese Blogs nicht öffnen ließen. Zumindest nicht von meinem Telephon aus. Etwas kaltes fasste nach meinem Herzen. Ich öffnete den kleinen Browser im winzigen Display; rief meine eigene Seite auf. Gut. So konnte ich lesen. Nicht nur meine Seite, auch die mancher meiner virtuellen Freunde. Zumindest derer, die ihr Profil nicht nur für ebensolche öffneten. Denn ich bin ein eher bequemer, mitunter sogar zur Faulheit neigender Mensch. Somit lag mein Passwort, akkurat kryptographiert, in den Niederungen meines Laptops verborgen. Weniger hingegen in den Niederungen meiner Gehirnwindungen. Angeblich ist es ja so, dass ein Mensch niemals auch nur ein kleines Detail, das sich einmal in das Geflecht seiner Neuronen eingeflochten hat, wirklich vergessen kann. Ich wage das zu bezweifeln. Einloggen konnte ich mich also nicht.

In meiner Jugend gab es einen recht einprägsamen Fernsehspot, der für einen mit Kohlensäure versetzten und in Dosen abgefüllten Eistee warb. Er zeigte einen in wüstenhafter Umgebung bis zum Kinn eingegrabenen Gefangenen, dessen haarloses Haupt in der Sonne sengte. Ein sadistischer Wärter steckte vor seinen Augen eine eben dieser Dosen in den Sand und zwang ihn, den Text auf dem Etikett laut vorzulesen. Mit dem letzten Satz („Schmeckt eisgekühlt am besten!“) wurde die Dose geöffnet, aus dem Bild entfernt und man konnte die Mimik des Eingegrabenen beobachten, während er – wie der Zuschauer - den Schluckgeräuschen des Dosenöffners lauschte.

Ich fühle mich diesem Mann sehr nahe. Wandere betrübt in den Abendstunden an der stürmisch-pitturesken Küste Englands entlang und freue mich, dass sich hier das Pfandsystem noch nicht durchgesetzt hat. Denn so sende ich Flaschenpost um Flaschenpost. Rettet mich. Ich heiße ... und bin online-süchtig. Ich stecke mitten drin im Netz der Abhängigkeiten. Oder eben gerade nicht.

Wird unser Held den Sprung in den Kanal wagen und sich so in die vierstellige Euro-Zone retten können? Oder entführen ihn die Meerjungfrauen auf eine Odyssee in Meeren aus Dopamin und Serotonin? Wir werden es nie erfahren. Denn wir haben erst mal eine Menge abonnierter Blogs, die wir lesen und die wir kommentieren wollen ...


(c) 2010  verkomplizissimus

Auf acht Beinen ins Nirwana

Der Buddha lehrt, mit Entlarvung des „Ich“ als Täuschung sei der Geist des Menschen in der Lage zu erkennen, dass er selbst es ist, der frei den Raum unserer Wahrnehmung durchdringt und phantastische, verspielte Dinge hervorzubringen vermag. Der Zustand der Erleuchtung lässt uns erkennen, dass es zwischen dem Selbst und den Dingen, die uns umgeben, in Wirklichkeit keine Trennung gibt. Der Umstand, mich so radikal wie möglich von der mich aktuell umsurrenden Stechfliege abgrenzen zu wollen, mag ein Indiz dafür sein, wie weit ich noch von eben diesem Zustand der Erleuchtung entfernt bin.

Und überhaupt. Sechs Tage und Nächte verharrte Siddhartha unter seiner Pappelfeige (Ficus religiosa) bei Bodhgaya in tiefer Meditation. Ich schaffe es keine fünf Minuten, irgendwo auch nur auf einer Parkbank zu sitzen, ohne von Schwadronen schwer arbeitender Ameisen bekrabbelt, durch kundschaftende Wespen beknabbert und nebenbei von vermehrungswütigen, weiblichen Wesen blutrünstig ausgesaugt zu werden. Männliche Mücken stechen nämlich bekanntermaßen nicht. Aber das nur nebenbei. Obschon sich also auf diesem Weg die Verbundenheit mit aller umgebenden Welt geradezu spürbar aufdrängt, mag sich ein Gefühl innerer Ruhe und Ausgeglichenheit so recht nicht einstellen. Was läuft da schief? Blicke ich auf die leblosen Reste der Mücken, Ameisen und anderer, vielbebeinter Ex-Lebensformen zu meinen Füßen, verfestigt sich die Gewissheit, gerade wieder um einige Reinkarnationen weiter zurückgeworfen worden zu sein. Wieso kann die Liebe, die ich für die Welt und alle in ihr lebenden Dinge empfinde, diese archaischen Reflexe nicht überwinden, die mich immer wieder töten, töten, töten lassen?

Was mich spontan an den Nachbarn vom Flur schräg gegenüber denken lässt. Der hatte ganz vergleichbare Reflexe bei mir ausgelöst, als er sich vor meiner Haustür mit treuem Dackelblick erkundigte, ob seine Waldtraut nicht zufällig mir zugelaufen sei. Er würde sie bereits seit Gestern vermissen. Waltraud ist eine in ihrer Spannweite (gefühlt) etwa siebenundzwanzig Zentimeter messende, illegal von ihm aus dem Amazonasdelta importierte Vogelspinne. Spinnen rette ich gemeinhin. Dieses, seit frühester Jugend antrainierte Verhalten hat mir schon den Respekt (und nächtlichen Hilferuf per Telephon) so mancher Dame eingebracht. Allerdings beschränkt sich dieses Schutzverhalten eher auf die hier ortsansässigen, natürlich vorkommenden Arten und Gattungen. Auch, wenn diese nur zu oft unter Sofas und Küchenschränken eben nicht vorkommen, sondern nachdrücklich auf ihrer dortigen Ortsansässigkeit beharren. Mit Spinnen verbindet mich die Hoffnung, dass diese wacker ihren natürlichen Bedürfnissen nachgehen und mich so von Zeit zu Zeit davor bewahren, um immer mehr Reinkarnationen nach hinten geworfen zu werden. Mit Vogelspinnen verbinden mich andere Dinge. Auf einer eher emotionalen Ebene. Und auch wieder mehr trennend als denn verbindend.

Mein Leben in der darauf folgenden Zeit hob sich deutlich von anderen Epochen meines dumpfen Daseins ab. Ganz ohne meditativen Geleitschutz (stundenlang mit geschlossenen Augen auf dem Boden zu sitzen erschien mir in jenen Tagen eher weniger angemessen), waren meine Sinne aufs Äußerste geschärft und auch den geringsten Eindrücken der Umwelt gegenüber – mag es nun ein leises Rascheln oder eine flüchtig im Augenwinkel wahrgenommene Bewegung gewesen sein –  ungewöhnlich aufgeschlossen. Längst verloren geglaubte, soziale Kontakte erfreuten sich erneuter Belebung, bekräftigt durch den einen und auch den anderen, spontanen Besuch (außerhäusig) meinerseits. Und nicht immer wunderte man sich nur wenig, wenn aus einem spontanen „mal Vorbeischauen“ dann ein ausgedehnterer Übernachtungsbesuch wurde – aber hatten wir denn nicht so nett beisammen gesessen? Viel zu nett, um einen wundervollen Abend schnöde einfach abbrechen zu lassen und durch die dunkle, kalte Nacht nach Hause zu laufen. Es gibt deutlich schönere Dinge, die sich morgens neben einem unter der Bettdecke finden lassen als entlaufene Vogelspinnen.

Das klingt jetzt viel gefühlloser und egoistischer, als ich an sich veranlagt bin. Ehrlich. Mein Leben ist durch den Respekt und die Liebe geprägt, die ich dieser Welt und allen lebenden Dingen entgegenbringe. Auch, wenn beides mitunter bei Überschreiten einer Höchstbeinanzahl von vier einer harten Prüfung unterzogen wird. Und ich nur zu oft eingestehen muss, vor den Herausforderungen, welche das Leben mir in dieser Form summend und in unermesslicher Vielzahl entgegenschickt, zu versagen. Wenn auch mit schlechtem Gewissen. Voller Schrecken denke ich an die Tage zurück, in denen ich noch Mittel in Gebrauch nahm, die ich heimlich von Reisen in die Arabische Welt und tropische Regionen hierher geschmuggelt hatte. Dort frei verkäuflich, fallen sie hierzulande mindestens unter das Kriegswaffenkontrollgesetz. Doch zuzuschauen, wie der Chitinpanzer meiner kleinen, lästigen Mitkreaturen nach kurzer Besprühung in sofortige Auflösung überging, brach mir dann doch das Herz.

Und so war es auch mit der Freundin, bei der ich wahrlich nicht nur aus Eigennutz Schutz suchte. Also – nicht, dass ich sie je mit Mitteln besprüht hätte. Auch trägt sie eher selten einen Chitinpanzer. Allerdings war sie, als sich ehedem zarte Bande zwischen uns entwickeln wollten, nach mächtigem Getächtel zunächst vom Nachbarn schräg gegenüber an- und schließlich fast bei ihm eingezogen. Bis sie das mit den Vogelspinnen spitz bekam. Doch da war es für unsere frühe Beziehung schon zu spät. Und so, wie sich der Geist sein Universum schafft, habe ja vielleicht auch ich die entlaufene Vogelspinne geschaffen, um einen Anlass zu finden, erneut zart anzubandeln. Wie gründlich ich dabei vorgegangen bin (beim Erschaffen, nicht beim Anbandeln) mag man der Tatsache entnehmen, dass sich die Vogelspinne bis heute nicht wieder angefunden hat. Ich bin dann ausgezogen und habe mir neue Möbel gekauft. Wie lange sich der Nachmieter an der ihm überlassenen Einrichtung erfreuen konnte, bis er mutmaßlich von Waldtraut dahingemeuchelt wurde, ist nicht überliefert. Ebensowenig wie die Antwort auf die Frage, wie sich das potentiell auf Waldtrauts Karma und Reinkarnationsverhalten ausgewirkt haben mag. Wenn ich jetzt an meinen Ex-Nachbarn denke ... sicherlich nur positiv.

Denn - so schließen sich die Kreise des Lebens immer wieder von Neuem zu einem einzigen, großen Rad. Eine endlose Kette von Nachbarn, Beinahe-Freundinnen und Vogelspinnen. Ein Leben immer wieder fern von daheim, ein Erwachen unter immer wieder fremden Bettdecken. Das Verlangen nach Mitteln, die unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen und die Reue danach. Noch und noch und noch einmal. Es sei denn – es sei denn, man entscheidet sich ganz einfach: bewusst dagegen. Vertreibt Stolz, Eifersucht, Anhaftung, Unwissenheit, Geiz und Zorn aus seinem Leben. Om mani peme hung. Und ab auf den Pfad der Liebe. Ob er mich nun tatsächlich bis nach Tibet führen wird? Zumindest gibt es nach Überschreiten der Baumgrenze wahrscheinlich wesentlich weniger Insekten, die einen beim Meditieren stören ...

Wird unser Held, auf welchem Pfad auch immer, Tibet jemals erreichen? Oder werden ihn die weiblichen Blutsauger zuvor vollends unter die Räder geraten lassen? Wir werden es nie erfahren. Denn dem Autor dieser Zeilen fällt gerade ein, dass er beim Einzug in diese Wohnung einige Möbel vom Vormieter übernommen hat und er schaut wohl besser ganz schnell mal nach, ob da nicht irgendwo ...


(c) 2010 verkomplizissimus