Samstag, 4. Dezember 2010

Leise kriselt mein Zeh

So wie jedes Jahr sind auch in diesem Dezember mit zunehmender Annäherung des Winters wieder Kälte, Eis und Schnee vollkommen überraschend über uns hereingebrochen. Und schlimmer noch: statt sich brav auf Postkartenmotive, kindgerechte Rodelbahnen und Haustreppen missliebiger Nachbarn zu beschränken, fällt Schnee in all seiner Heimtücke vorwiegend unschuldige Eisenbahngleise, Flughäfen und Straßennetze an. In dem er darauffällt. Was auch auffällt ist, dass hier kaum jemand daran Anstoß zu nehmen scheint. Außer mir, der aktuell geradezu überall anstößt. Denn auch ich falle. Und das bevorzugt auf Straßennetzen, Flughäfen und Bahnanlagen.

Rufen wir sie uns doch noch einmal vor Augen, die Bilder all der Menschen, die phantasievoll und gewaltig gegen norddeutsche Atommüllendlager demonstrieren oder zwecks Erhalt süddeutscher Bahnhofsdenkmäler auf die Straße gehen. Wieso schweigen die Massen jetzt? Wo bleiben die Proteste? Was tun wir, wenn uns zu Hause fortwährend Wasser auf den Kopf tropft und alles zunehmend vereist, weil sich niemand für die Funktionstüchtigkeit der Heizung zuständig zu fühlen oder auch nur zu interessieren scheint? Ich stehe einsam wie einst Scott und Amundsen auf Augenhöhe mit der Spitze des aus unnatürlich wirkender Pudermasse herausagenden Bushaltestellenschildes und schreie meinen Unmut laut hinaus: Ich verlange Mietminderung!

Natürlich hört mich niemand. Denn wer ist schon so bescheuert wie ich,  bei dieser Wetterlage überhaupt das Haus zu verlassen, statt sich gemütlich auf das heimatliche Sofa drappiert eine Ausrede nach der anderen für Arbeitsaus- oder andere Fälle akuter Motivationsdefizite von Tagesschau und Wetterbericht quasi auf dem Slbertablett servieren zu lassen. Leise verfluche ich mein mir innewohnendes, renitentes Pflichtgefühl. Leise deshalb, weil meinem Mund seit dem Ausruf am Ende des letzten Absatzes vordringlich eine ernstzunehmende Menge Pulverschnee innewohnt. Sparsam, wie ich nun einmal veranlagt bin, rolle ich mein mitgebrachtes Frühstücksei ein bisschen auf der Straße hin und her, schmiede gedankenverloren Rachepläne und erwäge, mich erst einmal zur nächstgelegenen Drogerie durchzuschlagen und mindestens siebenundzwanzig Dosen Haarspray zu kaufen. Wollen wir doch mal sehen, wer hier in Sachen globaler Klimaerwärmung zuletzt lacht.

Ja. Natürlich weiß ich, dass es eben jene Erwärmung globalen Ausmaßes ist, die unsere Sommer immer heißer und trockener und unsere Winter kälter und länger werden lässt. Die komplexen Zusammenhänge von schmelzenden Polkappen, abnehmender Salzkonzentration auf meinem Frühstücksei und wild mit den Flügeln um sich schlagenden Schmetterlingshorden im Amazonasdelta sind mir wohlvertraut; ich lebe sie, sozusagen. Und das jeden Tag. Bitte rufen Sie nicht mehr deswegen an.

Und genauso natürlich lege ich den Weg zur Bahnstation zu Fuß zurück. Nicht viel anders dürften sich die Wanderer durch die Rocky Mountains hinauf zum Yukon gefühlt haben – mit abgefrorenen Zehen, getrieben von der Gier nach Gold, Reichtum und einem sorgenfreien Leben unter Palmen. Mit einem am Wegesrand gefundenen Knüppel wehre ich die Wölfe und Bären ab, die mir schon seit Stunden hinterherschleichen, und übe mich in Bescheidenheit. Gold und Reichtum sind mir nicht wichtig. Eine S-Bahn, die mich verlässlich zum Flughafen bringt, würde mir schon vollkommen ausreichen. Doch auf wie so viele von denen, welche die Strapazen der langen Wanderschaft in Richtung Nordkanada mit Mühe und Not überlebt haben, wartet auch auf mich nichts als Enttäuschung.

Denn auch hier haben sich die Menschenmassen nicht vereinigt, um ihrem gerechten Zorn über diese untragbaren Wetterverhältnisse protestierenderweise Luft zu machen. Vielmehr haben sie sich hier versammelt, um mit mir auf den Zug zu warten. Irgendwie hat das ja auch etwas Solidarisches. Mit dem spontanen „Wir-Gefühl“ ist es allerdings in der Warteschlange vor dem einzigen, kleinen Kiosk, der im Rhythmus seiner Vorkriegszubereitungsmaschine von Zeit zu Zeit heißen Kaffee ausschenkt, schnell wieder vorbei. Die Gesetze Darwins regieren ungezügelt. Mit ausdruckslosen Gesichtern stapfen wir grimmig über kleine Hügel hinweg, die den Weg zur Heißgetränkausgabe säumen. Diese armen Teufel haben es nicht geschafft. Irgendwo zwischen ihnen vermute ich meinen linken, großen Zeh.

Sehr geehrte Fahrgäste, die nächste S-Bahn hat derzeit eine Verspätung von etwa 115 Minuten. Grund dafür ist eine eingefrorene Weichenanlage. Nichts mehr an mir fühlt sich noch auch nur entfernt weich an. Spontan kommt mir ein Gedanke, wie ich jetzt gern persönlich am Enttauen der eingefrorenen Weiche mitwirken würde. Das könnte an den etwa zweieinhalb Litern Kaffee liegen, die ich mittlerweile getrunken habe, um mich ein wenig am Pappbecher zu wärmen und so wenigstens am Leben zu bleiben. Die Gefühle, die mich jetzt überkommen, lassen mich daran zweifeln, ob es diesen Aufwand gelohnt hat. Gern würde ich mir schnell noch einen Kaffee kaufen. Doch alles Geld, das ich in meiner Hosentasche bei mir trage, ist zu einem formlosen Klumpen zusammengefroren.

Im Schein der ersten Strahlen der Abendsonne erreiche ich den Flughafen. Die Toiletten dort sind wegen eingefrorener Abwasserleitungen geschlossen. Ich fühle nichts mehr. Nicht einmal mehr Enttäuschung oder Wut. Und meine Zehen schon gar nicht. Ich möchte nur noch weg. Egal wohin. Vielleicht nach Yukon. Schlimmer kann es dort auch nicht sein. Und vielleicht finde ich ja etwas Gold. Zunächst aber finde ich einen Schalter. Ich möchte ihn umlegen. Oder vielmehr den gutgelaunten Angestellten der Fluggesellschaft dahinter. Der vordergründig Verständnis heuchelt, dessen Zucken in den Mundwinkeln mich aber seine wahre Meinung über die Menschen erkennen lässt, die an Tagen wie diesen hierher kommen, ernsthaft getragen von der Erwartung, heute noch fortfliegen zu können. Doch er winkt den beiden Jungs, die absprungbereit mit einer weißen, von vielen Gürteln gezierten Jacke hinter der nächsten Ecke stehen, gelassen ab. Statt dessen greift er in eine Schublade und schiebt mir ein Tütchen flugzeuggeformter Weingummis zu. Dabei lächelt er.

Ich bin eher der gelassene, selbstbeherrschte Typ. Viele Menschen schätzen an mir die Ruhe und klare Souveränität, die ich auch unter größten Belastungen auszustrahlen verstehe. Selbst in kritischen Situationen verliere ich nicht meine Ausgeglichenheit und Freundlichkeit. Mit selbiger stelle ich also jetzt dem jungen Mann von der Fluggesellschaft anheim, sich die Weingummis – bestmöglich einzeln – in jene, dem natürlichen Abschluss des Verdauungsprozesses zugeordnete Körperöffnung einzuführen, erledige die eilends hinzugesprungenen Jungs mit der weißen Jacke durch gezielte Handkantenschläge und tauche in der amorphen Masse verschlipster Geschäftsreisezombies unter. Hier falle ich nicht weiter auf. Bin ich doch selbst einer der ihren.

Bei einem gestrandeten Rucksacktouristen tausche ich seinen frostfesten Schlafsack nebst Notzelt gegen ein zweites Paar Socken und ein halbes Stück Seife (seine flüssige hatte ihm die Flugsicherung abgenommen, weil sie knapp die Hundertmillilitergrenze überschritten hatte) und kämpfe mich durch Massen lethargisch wartender Untoter ins Basement hinunter. Dort weiß ich einen Supermarkt, mit einer süßen, rothaarigen Kassiererin. Dort vermute ich noch Lebensmittel. Und frischen Kaffee. Und vielleicht einen Plastikeimer; wer weiß, wie lange die Toiletten noch geschlossen bleiben. Und wie lange es dauern wird, bis ich diesen Flughafen wieder verlassen kann. Egal wohin. Und egal, auf welchem Weg. Ich habe mich entschlossen, am Leben zu bleiben. Vielleicht finde ich ja ein wenig Gold, irgendwo. Und werde dann mit der süßen Kassiererin eine kleine Familie gründen. Irgendwo, wo niemals Schnee fallen wird. Auf meine nunmehr zehenlosen Füße. Niemals.


Werden die Nachkommen der kleinen Familie den Yukon jemals erreichen? Und wie wird der Angestellte der Fluggesellschaft den Umstand verdauen, dass Weingummi bei Kontakt mit Feuchtigkeit enorm anschwellen kann? Wir werden es nie erfahren. Denn wir stecken die ganze Zeit schon in einer Schneewehe, irgendwo auf der A7, und bekommen die vereiste Scheibe der Fahrertür nicht herunter, durch die uns das rote Kreuz eine heiße Brühe zureichen möchte, damit wir sie über unsere erfrierenden Zehen gießen können ...

(c) 2010  verkomplizissimus